Schreibwettbewerb Grüner Heinrich 2025

Thema 2025: Jenseits der Grenze

Der „Grüne Heinrich“ ist der Literaturwettbewerb des Gottfried-Keller-Gymnasiums. Teilnehmen können alle Schüler:innen unserer Schule – unabhängig von Alter oder Jahrgangsstufe. Die Teilnahme ist freiwillig und richtet sich an alle, die Freude am Schreiben haben.

Eingereicht werden können literarische Texte in unterschiedlichen Formen, zum Beispiel Kurzgeschichten, Gedichte, Essays oder Dialoge.

Den Abschluss des Wettbewerbs bildet eine gemeinsame Veranstaltung in der Aula des Gottfried-Keller-Gymnasiums. Dort werden ausgewählte Texte vorgelesen und gemeinsam gewürdigt.

Auf dieser Webseite sind ausschließlich Texte veröffentlicht, deren Autor:innen der Veröffentlichung zugestimmt haben.

Thema des Grünen Heinrich 2025:
„Jenseits der Grenze“


Jenseits der Grenze

Von Clarys Pollak

Dort, wo die Welt einen Strich zieht und wo der Horizont sich mit der Unendlichkeit vermischt,
beginnt das Ungewisse. Eine Grenze, unsichtbar, doch spürbar für den, der den Mut hat, sie zu
überschreiten. Sie trennt nicht nur Länder, sondern auch Menschen, trennt Geschichten, die sich nie
begegnen, trennt Träume, die niemals Wirklichkeit werden dürfen.

Ich stehe an dieser Grenze, betrachte die Striche, die andere gezogen haben. Wer entscheidet, wo
ein Hier endet und ein Dort beginnt? Wer bestimmt, dass Sprache, Haut, Namen über Zugehörigkeit
entscheiden? Und was bleibt von uns, wenn wir nur die Striche sehen und nicht die Menschen
dahinter?

Hinter der Grenze liegt nicht nur ein anderes Land, sondern eine neue Welt der Möglichkeiten. Ein
Ort, in dem Worte Brücken statt Mauern bauen, in dem Blicke sich begegnen, ohne Vorurteile. Wo
die Herkunft eine Geschichte erzählt, aber nicht das Ende dieser bestimmt.

Doch die größten Grenzen sind nicht aus Stein oder Stacheldraht. Sie sind aus Angst, aus dem
Glauben, dass das Fremde immer fernbleiben muss. Und doch – in einem Moment des Mutes, eines
offenen Blicks, eines ausgestreckten Armes – beginnen sie zu bröckeln.

Vielleicht sind Grenzen nur so stark, wie wir sie machen. Vielleicht beginnt das Leben erst wirklich
jenseits der Grenze.


Jenseits der Grenze

Von Coco Fuchs

Gerade eben klingelt mein Handy. Eigentlich übersteigt dieser Anruf meine
Kapazitäten. Ich bin müde, ausgelaugt. Doch ich nehme ihn trotzdem an und stelle
meine eigenen Bedürfnisse zurück, um die Gefahr zu umgehen, eine schlechte
Freundin zu sein.

Dann kommen diese Fragen: „Warum hast du eine Stiefmutter?“ und „Ist sie
überhaupt nett?“. Sie tun weh. Und doch bleibe ich ruhig, beantworte sie neutral,
als wäre es nichts. Ebenso wie die plötzliche Umarmung, die mich überfordert, weil
sie mir den Platz zum Atmen nimmt. Nichts davon ist in böser Absicht passiert.
Niemand wollte mich verletzen. Meine persönlichen Grenzen werden aber
überschritten – wieder und wieder. Kann ich es den Menschen nachtragen? Sie
konnten es doch nicht wissen.

Wenn ich nichts sage und den Schmerz unterdrücke, wie sollen andere merken,
was sie mit ihren Worten oder Gesten anrichten? Liegt es in meiner Verantwortung,
direkt zu sagen, wenn eine Grenze überschritten wird, damit es in der Zukunft
anders ist? Oder muss ich solche Momente einfach hinnehmen?

Ich schaue mich um. Wie machen es die anderen? Kann ich mir ein Beispiel an
meiner Schwester nehmen? Sie ist drei Jahre alt und kommuniziert klar, wenn ihr
jemand zu nah kommt. Wenn Sprache nicht hilft, wird sie laut.

Ich richte den Blick wieder auf mich: Verhalte ich mich im Umgang mit anderen
Menschen nicht ähnlich? Auch sie haben ihre Grenzen. Ich denke an heute
zurück. War meine Bemerkung zu viel? Ist die Beurteilung des Einkaufs der Person
vor mir ebenfalls eine Grenzüberschreitung gewesen, auch wenn ich sie nicht laut
geäußert habe? Oder war die vermeintlich harmlose Frage: „Was hast du am
Wochenende gemacht?“, auch jenseits der Grenze? Habe ich mit meiner Neugier
eine Grenze überschritten, so wie es bei mir geschehen ist? Wenn ja, warum hat
man mir das nicht gesagt? Aber wie kann ich etwas von anderen erwarten, was mir
selbst scheinbar nicht möglich ist?

Vielleicht ist das Sich-Bewusstwerden ein Anfang.

Meine persönliche Grenze ist schmal und unsichtbar. Wenn sie überschritten wird,
löst das starke Reaktionen aus. Oft passiert es in den kleinen Momenten, im
unbedachten Wort oder der unscheinbaren Geste. Wir alle sollten achtsamer durch
unseren Alltag gehen und klar kommunizieren, wenn jemand unsere Grenze
überschritten hat, einen Weg finden, sie sichtbar werden zu lassen und es nicht zu
persönlich nehmen, wenn sie uns von anderen aufgezeigt wird. Grenzen setzen ist
kein Angriff – es ist eine Chance, einander besser zu verstehen.


Jenseits der Grenze

Von Anna Wönne

Jenseits der Grenze ist alles so neu,
die Häuser sind anders, die Straßen sind scheu.
Die Menschen hier reden, doch ich versteh’s nicht,
und mein altes Zuhause verblasst aus der Sicht.

Ich denk an mein Zimmer, an Freunde und Spiel,
doch hier ist es anders, es ist mir alles zu viel.
Vielleicht wird es besser, vielleicht wird es noch schön,
doch manchmal, da will ich zurück einfach geh’n.

Wer hat diese Grenze bloß gemacht?
Warum ist sie da und teilt bei Tag und Nacht?
Es sind doch nur Striche auf ’nem Papier,
doch sie trennen mich einfach von meinem vertrauten Hier.

Ich wünsche mir sehr, dass Grenzen vergehen
und alle überall hin könnten gehen.


Chronik vom Leichensaal der Geschichte

Von Yll Behdjeti

Der Schlamm fraß sich in meine Wunden, als ob auch die Erde Blut lecken wollte. Ich, Jean
Bernard, Ex-Student, Ex-Mensch, jetzt nur noch Fleisch mit meiner Dienstnummer 24601,
eingeritzt in die Sehne meines Handgelenks, kroch durch die Überreste eines deutschen Jungen,
dessen Gesicht von einer Granate weggesprengt worden war. Der Gestank von verfaultem Fleisch
hatte sich in meine Lungen gebrannt, das Kreischen der Granaten in meine Trommelfelle, das Bild
des deutschen Jungen mit dem weggesprengten Gesicht in meine Netzhaut. Sein Kiefer lag neben
mir, die Zähne mit anatomischer Grazie erhalten, als würde er mir noch immer zulächeln. Vielleicht
tat er das auch. Vielleicht war es das letzte Lachen der Vernunft in dieser Hölle.

Nun, hier im Niemandsland, unweit entfernt von den Stahldrähten, gab es keine Menschen mehr.
Nur Ratten, die sich in unseren Mägen einnisteten, während wir noch atmeten. Die Generäle
nannten uns Helden, aber wir waren bloß wandelnde Leichen, die noch nicht genug gestunken
hatten, um begraben zu werden.

Der erste Deutsche, den ich tötete, war ein Bauer. Kein Soldat – ein verdammter Bauer! Er hatte
sich verlaufen, bettelte auf Französisch um Gnade, während seine eigenen Kameraden von hinten
auf ihn schossen, weil sie dachten, er desertierte. Ich drückte ab. Sein Schädel platzte wie eine
überreife Melone. Mein Leutnant klopfte mir auf die Schulter: „Bien fait, mon ami! Jetzt bist du ein
richtiger Franzose!“

Ich lachte. Was sonst? Die Komödie war zu absurd: Wir mordeten Bauern und nannten es
Patriotismus.

Die Zeitungen schrieben von Ehre. Die Politiker brüllten von „deutscher Barbarei“, während sie in
Paris Champagner schlürften und Aktien von Rüstungsfirmen kauften. Die Arbeiter in Lyon und
Berlin schufteten für denselben Krieg, der ihre Söhne fraß. Klassenkrieg? Nein, ein einziger großer
Kreisverrat. Die Proletarier starben, die Kapitalisten strichen die Gewinne ein, und die Priester
segneten die Kanonen.

Einmal, in einer seltenen Pause, las ich aus Nietzsches Zarathustra vor: „Der Mensch ist etwas, das
überwunden werden muss.“ Ein preußischer Gefangener, halb verhungert, grinste und sagte: „Ja.
Mit Flammenwerfern.“ Dann wurde er erschossen, weil er zu klug war.

Im Winter 1917 fraßen wir unsere eigenen Toten. Nicht aus Hunger, nein, aus Hass. Wir wollten sie
dem Feind nicht lassen. Einmal biss ich in eine deutsche Hand, die ich aus dem Schlamm zog, nur
um zu sehen, ob sie nach Schwein schmeckte. Nun, das tat sie nicht. Sie schmeckte nach Eisen und
Moder.

Die Offiziere nannten es „Mut“, wenn wir über Leichenberge rannten, um im nächsten
Maschinengewehrhagel zu verenden. Und dieser Nietzsche hatte verdammt recht! „Wahnsinn ist bei
Individuen selten – aber bei Nationen die Regel.“

Als der Krieg endete, stand ich in einer Scheune voller amputierter Männer. Ein deutscher Soldat –
oder das, was von ihm übrig war: ein Torso mit Augen, an dessen Hüften sich blutige Verbände wie
die Flügel eines verstümmelten Engels ausbreiteten, fixierte mich mit einem Blick, der durch Mark
und Bein ging. Seine Lippen bewegten sich langsam, als müsste er jede Silbe mühsam aus dem
Jenseits zurückholen:
„Hast du gewonnen, Franzose?“

Ich ließ mich neben ihm in das Stroh fallen, das nach Eiter und Urin stank. Die Zigarette zwischen
meinen Fingern zitterte nicht aus Erschöpfung, sondern weil mein Körper endlich begriffen hatte,
dass er noch lebte. Ich nahm einen Zug und steckte sie ihm zwischen die Zähne – diese eine kleine
Geste der Menschlichkeit in einem Jahrhundert, das keine mehr kannte.
„Nein“, hauchte ich, während draußen die Glocken läuteten. „Aber die Stahlbarone in Essen und
Lothringen, die haben gerade ihre dritten Villen fertiggestellt.“

Er lachte. Oder hustete. Oder starb. In diesem Moment war alles dasselbe.

Draußen brüllten sie die Marseillaise, diese Hymne aus Blut und Lügen, mit Kehlen, die noch vom
Gas verätzt waren – ein Chor von Krüppeln, die für ihre eigene Vernichtung jubelten.

Irgendwo, jenseits aller gezogenen Grenzen, lagen Millionen Toter in perfekter Formation – stumme
Zeugen eines Schachspiels, bei dem die Spieler längst den Saal verlassen hatten.

Der Krieg war kein Abgrund gewesen.
Er war ein Spiegel.
Und was er zeigte, war hässlicher als alle Verwesung der Schlachtfelder. Die wahre Bestie hatte nie
in den Schützengräben gehaust, sondern in den gepflegten Büros der Hauptstädte, wo man
Todeslisten mit makellosen Fingern abzeichnete.

Und ich?
Ich blieb zurück. Ein lebendiges Präparat, seziert von Erinnerungen, aufgespießt in einer Vitrine
namens Frieden, während die Welt sich bereits für das nächste Sezierfest rüstete.

Und jenseits der Grenzen?
Nichts.
Außer vielleicht das leise Klicken eines neuen Magazins, das irgendwo gerade eingelegt wurde.
Und das unaufhörliche Lachen der Wahnsinnigen, die als Einzige die Wahrheit erkannt hatten.
Sie allein hatten bestanden.


Jenseits der Grenzen

Von Veronica Freliga

Jenseits der Grenzen gibt es viele Dinge, die wir uns nicht vorstellen können. Manchmal denkt man
an die Länder, die hinter den Bergen oder der weiten Wiese liegen, die unbekannt sind. Was könnte
das sein? Vielleicht wird dort eine andere Sprache gesprochen, vielleicht gibt es andere Traditionen
oder vielleicht gibt es andere Menschen, die mehr oder weniger haben als wir. Was trennt sie von
uns? Und was verbindet sie mit uns?

In der Schule lernen wir über Länder und wo die Grenzen zwischen ihnen sind. Grenzen sind aber
nicht nur Linien auf einer Weltkarte. Sie können auch Gefühle oder Vorstellungen überschreiten.
Viele Menschen verlassen ihre Heimat, um ein besseres Leben zu führen, was bestimmt nicht leicht
ist, denn sie müssen vielleicht ihre Freunde und ihre Familie zurücklassen. Solche Menschen sind
bewundernswert, weil sie so mutig sind, jenseits der Grenzen nach neuen Möglichkeiten zu suchen.

Es ist schwer, sich vorzustellen, wie sein eigenes Leben jenseits der Grenzen sein würde. Vielleicht
könnte man neue Freunde finden und Neue Dinge lernen. Es ist aber schwer, sich sowas
vorzustellen, weil man nicht weiß, wie es dort sein könnte. Manchmal hat man Angst vor dem
Unbekannten, aber man muss wissen, dass es auch viele schöne Überraschungen geben kann.

Jenseits der Grenzen ist es nicht nur schön, sondern es gibt leider auch Probleme wie Kriege und
Konflikte, die das Leben für viele Menschen sehr schwer macht. Mein Wunsch wäre, dass Menschen
lernen könnten, friedlich miteinander zu leben, egal woher sie kommen, wie sie aussehen oder
welche Religion sie haben. Vielleicht passiert das eines Tages, dass wir alle zusammenarbeiten, um
eine bessere Welt zu schaffen – eine Welt jenseits der Grenzen für die nächsten Generationen.

Jenseits der Grenzen ist nicht nur ein physischer Ort, sondern es kann auch ein Symbol sein, das
für Veränderung stehen könnte. Es soll uns daran erinnern, dass egal wo wir leben – wir sind alle
gleich.

Ich hoffe, eines Tages könnten wir die Grenzen in unseren Köpfen überwinden und mehr
Verständnis füreinander haben, denn das fehlt unserer Welt gerade.


Infoseite zum Schreibwettbewerb „Grüner Heinrich“